Samstag, 17. März 2012

[soziale Netze] ICQ revival day, oder doch nicht...?

Geneigter Leser,
heutzutage gibt es eine ganze Reihe von unterschiedlichen Möglichkeiten, wie man im Alltag miteinander kommunizieren kann. Steht man sich von Angesicht zu Angesicht gegenüber, kann man einen Menschen während einer Unterhaltung in seiner Ganzheit einfangen. Zusätzlich zum gesprochenen Wort stehen einem dann Informationen über alle weiteren Sinne zur Verfügung. Das ist genau das, was soziale Interaktion (für mich zumindest) ausmacht und mir dabei hilft, einen Menschen zu verstehen. Verwendet man Videotelefonie, dann stehen nur noch zwei Sinne zur Informationsaufnahme zur Verfügung. Telefoniert man klassisch, sogar nur noch einer. Und das taugt für mich persönlich eigentlich gerade noch, um Termine ab zu sprechen. Für alles, was darüber hinaus geht, muss ich schon sehr in Stimmung sein. Hiermit möchte ich also alle Menschen, die ich am Telefon barsch behandelt habe, um Verzeihung bitten. Ich bin einfach kein guter Telefonierer.


Was mir dagegen sehr gut gefällt, ist das Reduzieren der Kommunikation auf das geschriebene Wort. Ich bin ein Fan von Briefen, Postkarten, eMails und Chats. Da braucht mein Gehirn gar nicht erst zu versuchen, fehlende Sinneseindrücke durch Sprachmodulationsanalyse auszugleichen (klappt nämlich auch schlecht, weiß ich aus Erfahrung). Da kann man sich ganz auf den Hintersinn der Formulierung und die Verwendung von Emoticons verlassen. Außerdem bin ich in der Fernkommunikation häufig auf die Verwendung langer Zeichenketten (banales Beispiel: weblinks) oder mathematischer Ausdrücke angewiesen. Versucht mal, den link eines Bildes aus der google-suche per Telefon zu diktieren, ein Graus. Während des Studiums haben wir zeitweise Formeln in gesprochenem latex markup über Telefon ausgetauscht. Total bescheuert. Und leider auch ineffizient. Und, schön so wie die Angelsachsen das sagen, error-prone.

Heute kann man überall in den sozialen Netzwerken chatten und dadurch schnell links austauschen. Für eMail clients, wie z.B. thunderbird, gibt es latex plugins, genauso wie für Multi-Client-Chatprogramme wie adium, pidgin oder kopete. Und mit letzteren bin ich, wie eh und je, über das ICQ Netzwerk mit vielen meiner Freunde und Arbeitskollegen verbunden.

Eigentlich war es gerade dieses ICQ-Netzwerk, dass mich dazu veranlasst hat, diesen Artikel zu schreiben. Denn ich bin daran gewöhnt, ich habe noch meine uralte Nummer und damit auch eine Menge Karteileichen in meiner Kontaktliste. Da fand ich es nett, diese Tatsache einmal zu verbreiten und vielleicht ein paar von Euch, geneigte Leser, dazu zu animieren, einen Eurer alten Zugänge zu reaktivieren. Doch weit gefehlt, ich bremse mich selbst bei diesem Anliegen! Ich habe böse Tatsachen über ICQ wieder ausgegraben. Diese Informationen waren mir tatsächlich schonmal bekannt, und ich habe mich damals auch sehr darüber geärgert, doch die Bequemlichkeit, und ein damaliger Mangel an Alternativen, hat sie erfolgreich verdrängt:
  1. Man tritt das geistige Eigentum an allem ab, was man über ICQ schreibt.
  2. Es ist nicht erlaubt, alternative Clients zum Zugang zum ICQ-Netzwerk zu verwenden.
So ein Quark. Es schert mich ja wenig, wer meine ICQ-Nachrichten mit liest, aber das geistige Eigentum an meinen Wortwitzen möchte ich schon gern selbst behalten. Und ich will zumindest auch unter Linux und immer mit alternativen Clients chatten. Eine größere Fülle von Funktionen (latex-plugins !!!1einself) und weniger (also keine) Werbung sind für mich doch wirklich wichtig.

Also liebe Leute, ich werde mich von ICQ verabschieden und lieber einen der google oder facebook oder sonstwas-homebrew XMPP server verwenden. Denn XMPP scheint tauglich zu sein.

Das Gute an den Multi-Client-Chatprogramme ist ja, dass ich mich überall gleichzeitig anmelden kann. So verliere ich keinen der Kontakte und kann mit Euch allen, geneigte Leser, weiter die wunderbare Welt der getippten Kommunikation erforschen.

Welche Kommuntikationskanäle bevorzugt Ihr? Schreckt Euch das Thema Datenschutz ab, einen bestimmten Service zu nutzen? Wie sieht es aus mit Verschlüsselung? Und wo soll das Alles nur hinführen? Ich freue mich auf Eure Meinungen!

4 Kommentare:

  1. Wenn das stimmt, kommt ICQ gerade für den beruflichen Einsatz wahrscheinlich tatsächlich nicht in Frage. Außer natürlich mit Verschlüsselung, aber dann ist auch ein Teil der Leichtigkeit hin, das auch etwa von unterwegs benutzen zu können. ICQ-Clients für Android können sowas ja sicherlich nicht?
    Sind denn alternative Möglichkeiten vom Nutzungsbestimmungen her besser? Noch einen weiteren Account irgendwo zu machen kommt für mich eigentlich nicht in Frage. Aber google-talk in meinem eh laufenden kopete mit einzurichten schon.
    Du hast schon recht, aber ich frage mich dann doch, ob man Google mehr trauen kann als ICQ...

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  2. Erschwerend kommt hinzu, dass meine Versuche, google-talk in kopete einzurichten, gescheitert sind.

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  3. Geneigter Blogger,
    liest sich schon beeindruckend, welchen Fähigkeiten dein Gehirn während eines Gesprächs noch nachkommt. Sprachmodulationsanalyse? Auswertung weiterer Sinneseindrucke? Bei meinem Gehirn offensichtlich nicht implementiert.
    Gleichwohl gebe ich Dir natürlich recht damit, dass die geschriebene Kommunikation eine der in vielerlei Hinsicht (und nicht nur bei mathematischen Formeln) am wenigsten fehleranfälligen Kommunikationsarten ist. (Selbst bei Verwendung von spurious Anglizismen.) Und auch eine der schönsten, Briefe, Postkarte und auch E-Mails können wahre Kunstwerke sein. Mit Instant Messaging bin ich persönlich aber nie wirklich warm geworden. Für mich ist das bis heute nur der Versuch, gesprochene mit geschriebenen Kommunikationskanäle miteinander zu verheiraten. Geblieben sind von beiden die Nachteile, die Du schon ausführlich beschrieben hast.
    Nun zu ICQ: Wenn man bedenkt, dass zumindest beruflich ein Großteil meiner ICQ-Kommunikation aus "hm" und "weiß ich auch nicht" besteht, würde ich, statt mich mit deren Urheberrechtspolitik zu befassen, lieber deren Geschäftsmodell studieren. Wenn ich meine Unwissenheit zu Geld machen kann, brauche ich bald nicht mehr zu arbeiten, dann werde ich auch so reich. Und zwar richtig.
    Schwerer wiegt für mich tatsächlich die Politik, keine alternativen Clients zuzulassen und das Netzwerk bis heute proprietär zu halten. Was aber letztenendes angesichts des kommerziellen Hintergrunds auch zu erwarten ist.
    Ich denke, gerade Kommunikationsmethoden sind teilweise sehr Mode- (oder, noch ein Anglizismus: Zeitgeist-) abhängig. Anfang der 2000er Jahre war ICQ weit verbreitet, heute ist es vielleicht Facebook, in ein paar Jahren wird sich auch daran kein Mensch mehr erinnern. Einen xmpp-Account (damals noch Jabber) habe ich fast so lange wie meinen ICQ-Account, trotzdem kenne ich bis heute nur eine Person, die nerdig genug ist, dass ich sie als Kontakt habe. (Und hätte nicht gedacht, dass ich mich noch mal beschweren würde, dass meine Arbeitsgruppe nicht nerdig genug ist.) Bei der Wahl der Kommunikationsmittel komme ich nie darum herum, wofür sich meine Mitmenschen entscheiden. Bringt halt nichts, sich ein perfektes Protokoll für Selbstgespräche zu überlegen. Obwohl das über ICQ schon ganz gut funktioniert.
    Aber schlussendlich geht nichts über Kommunikation von Angesicht zu Angesicht. Oder anders ausgedrückt, zu Fuß zu dem Büro zwei Türen weiter zu gehen. Andere Leute durch bloße Anwesenheit zu erschrecken ist tatsächlich noch in keinem IM-Protokoll implementiert.

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  4. Hallo Lewin, Daniel,
    vielen Danke für Eure Kommentare!

    Ich habe noch einmal in den aktuellen EULA von ICQ reingeschaut (http://www.icq.com/legal/eula/en) und siehe da, man bleibt zwar Rechteinhaber, man räumt ICQ aber ein, das gesendete Material auf wirklich vielfältige Art und Weise zu nutzen. Das macht ICQ in meinen Augen unbenutzbar für den beruflichen Einsatz.

    Google (http://www.google.de/intl/de/policies/terms/regional.html, insbesondere der Abschnitt "Ihre Inhalte in unseren Diensten") ist da sehr viel realistischer. Man räumt google das technisch Notwendige explizit ein.

    Bei fb und vz hab ich noch nicht nachgeschaut. Insgesamt halte ich dieses Thema für sehr wichtig und genau das ist mir eine ausführlichere Recherche wert.

    Zum Thema google-talk in alternativen IM:
    pidgin geht gut, siehe http://support.google.com/a/bin/answer.py?hl=de&answer=49147
    kopete habe ich noch nicht probiert, aber http://support.google.com/talk/bin/answer.py?hl=en&answer=57557

    Mit fb und vz versteht sich pidgin auf gleiche Weise gut. Für alle Leser, die keine Lust haben, das selbst nachzuforschen, werde ich das Vorgehen bald nochmal zusammenfassen.

    Themenwechsel, das Gehirn beim Sprechen: ja, meines hat diese features. Aber vielleicht stürzt es deswegen auch gelegentlich ab ;) und benötigt eine reizarme Umgebung. Ich finde Deinen Gedankengang, dass IM gerade die Nachteile von gesprochener und geschriebener Kommunikation vereint, sehr interessant. Vielleicht muss man da doch mal ein Fachbuch konsultieren.

    ICQ: dieses verdient sein Geld mit Werbung, deswegen der Clientzwang. Aber wie man damit überhaupt Geld verdienen kann, habe ich immer noch nicht verstanden, siehe frühere Posts. Fun fact: ICQ gehört mitlerweile mail.ru. Und mail.ru ist einer der Haupt-referrer zu diesem blog. Zufall? ;)

    Kommunikation ist natürlich sozial bestimmt, deswegen habe ich mich mit pidgin jetzt halt einfach überall angemeldet. So kann ich mit jeder Person quatschen, egal, welches Protokoll verwendet wird.
    Und dann sag ich jetzt noch: go nerd, lass uns auf xmpp wechseln. Vielleicht sollten wir außerdem eine Aufwandbarriere einführen, ab der Mensch per pedes zum nächsten Büro kommt.

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